Über die Beziehungen zwischen Friedrich Nicolai und Johann Erich Biester

von Hans W. L. Biester, Hamburg

Vertraut auch zu recht die gelehrte Zunft,
auf die „Kritik der praktischen Vernunft”,
so gebt den Menschen für das allgemeine Glück,
zunächst einmal den common sense zurück!

Wer den Freundschaftstempel des Gleimhauses in Halberstadt besucht, um die Portraits der geistigen Elite Deutschlands von der Mitte bis zum Ende des 18ten Jahrhunderts zu betrachten, der wird vergeblich nach Bildnissen von Goethe und Schiller an den Wänden Ausschau halten; im ersten Raum hingegen die Portraits Nr. 36 und 37 1 des Journalisten und Co-Editors der Berlinischen Monatsschrift (künftig BMS) und ab 1791 alleinigen Herausgebers Johann Erich Biester (17.11.1749-10.2.1816) - künftig JEB – und den 16 Jahre älteren Buchhändler und Schriftsteller Christoph Friedrich Nicolai (18.3.1733-8.1.1811) einträchtig nebeneinander finden.

In Nicolai könnte man von Gestalt und Robustheit das deutsche Pendant des englischen Dr. Samuel Johnson sehen. Durch seine Freundschaft mit G. E. Lessing (1729-1781) in dessen Gedankenwelt eingetaucht, verschaffte sich Nicolai durch sein Romanwerk, viele Abhandlungen und vor allem die von ihm gegründete und betriebene sog. „Rezensionsanstalt”, die Allgemeine Deutsche Bibliothek (künftig ADB), schon frühzeitig Bekanntheit in Deutschland. Dessen Biographie und Gesamtwerk 2 sind weitgehend erschlossen und zugänglich. JEB’s wachsende Popularität hingegen setzte erst nach Lessings Tod ein. Ein Negativ-Image von beiden, JEB und Nicolai, bestimmte bis zur Mitte des 20sten Jhdts. die Literatur- und Philosophiegeschichte. Als Aufklärer (auch verächtlich Aufkläricht und seichte Popularphilosophen, als Teil der Berliner-Aufklärungssynagoge bezeichnet) wurden sie abgetan, da sie mit den emanzipierten Deutschen jüdischen Glaubens fraternisierten, und durch gewisse Grundsätze kamen sie im Laufe der Zeit in Gegnerschaft zu dem aufstrebenden Geniekult der Schwärmer und Lärmer, Goethe und Schiller, den Schlegel-Brüdern und manchen Romantikern.

Der später Nicolai nicht gerade wohlgesinnte Friedrich Schiller (1759-1805) konnte noch am 6.11.1782 an seine Schwester Christophine schreiben:

Ich schreibe dir gegenwärtig auf meiner Reise nach Berlin [...]. Sobald ich in Berlin bin, kann ich in der ersten Woche auf festes Einkommen rechnen, weil ich vollgültig Empfehlungen an Nicolai habe, der dort gleichsam der Souveräin der Litteratur ist, aber Leute von Kopf sorgfältig anzieht, mich schon im voraus schätzt und einen ungeheureren Einfluß hat beinahe im ganzen teutschen Reich der Gelehrsamkeit. 3

Leider reiste er dann doch nicht nach Berlin sondern lernte die Stadt erst 1804, ein Jahr vor seinem Tode, kennen, als der einstige Regimentsmedikus schon ein gefeierter Schriftsteller war und in Weimar nicht mehr leben wollte. Schiller wurde zunehmend interessierter nach Berlin zu übersiedeln, doch seine Frau wollte den Weimarer Musenhof mit allen seinen Annehmlichkeiten nicht verlassen, und auch Goethe beeinflusste den Herzog zum Bleiben Schillers. Ob sich dieser mit dem alten, verdienstreichen und gutherzigen 71-jährigen Mann aussöhnte, der noch zu Lebzeiten vom Schicksal hart getroffen wurde, indem er seine Frau und alle Kinder überlebte, scheint der Nachwelt nicht überliefert worden zu sein. Durch die Xenien hatten Schiller und Goethe, „die beiden Sudelköche aus Jena und Weimar” 4 längst unwiderruflich ihren Stab über ihn gebrochen. JEB’s Biographie wurde durch den angehenden Schriftsteller und Dr. phil. Alfred Haß (1880-?) 5 erschlossen. Zwei andere Literaturhistoriker, Dr. Norbert Hinske 6 und Dr. Peter Weber 7, haben über JEB und seine Zeit im Zusammenhang mit der BMS Treffliches geschrieben, als auch jeweils einen Auswahlband der BMS herausgegeben. Diese Auswahlbände sind seit der Deutschen Einheit nicht mehr fortgesetzt worden. Über JEB schrieb Schiller am 6.10.1787 aus Weimar an Christian Gottfried Körner (1756-1831):

Biester war dieser Tage auch hier, er gefällt mir wenig. Eine feine, forschende Physiognomie, der es aber doch auch nicht an Präsumtion fehlt. 8

In dem „Postscript” eines Briefes von Schiller an den oben genannten Freund, datiert 12.6.1788, steht unter Position 4, für die Gründung des Journals Thalia einen Plan zu erarbeiten, dass es dazu Personen bedürfe, die hierzu Artikel kontribuieren:

MeinName gilt freilich, aber doch nicht gerade bei allenClassen, um deren Geld es uns zu thun ist; bei denen muß man z. B. einen Garve, Engel, Gotter oder einen Biester und seines Gelichters (ich meine nicht die Menschen selbst, sondern ihre Arten) affichiren. Vielleicht, daß es mir gelingt, Herdern, wenn er aus Italien zurück ist, durch große Preise zu locken; vielleicht komme ich auch mit Goethen in Verbindung. [Ebd.]

Körner berichtete am 9.5.1789 an Schiller aus Dresden:

Biester ist hier; ich habe ihn nur ein paar Augenblicke gesehen, und werde erst heute Abend mit ihm in Gesellschaft sein. Sein Gesicht ist gescheidt, flößt aber kein Zutrauen ein. Ist es vielleicht Täuschung durch das, was man von ihm weiß; genug, mir schien etwas Ausspürendes in seinem Blicke zu liegen. [Ebd.]

Am 22.5.1789, so berichtet Körner an Schiller weiter,

[...] war Biester hier und ein Kriegsrath Scheffner [1736-1820] aus Königsberg (der Verfasser der Lebensläufe in aufsteigender Linie und des Buches über die Ehe [sic!]). Biester war mir anfangs unleidlich, weil er bloß in seiner Jesuitenjagd zu leben schien; zuletzt wurde er mir genießbarer. Scheffner ist sehr still, und konnte vor Boden [Joachim Christoph Bode, 1730-1793, Übersetzer, Illuminat] und Biester nicht aufkommen. [Ebd.]

JEB hatte sich auf einer dienstlichen Reise im Mai 1789 über die Dresdner Bibliothek informiert und darüber am 23. Mai 1789 einen heute nicht mehr vorhandenen Bericht J. C. v. Wöllner (1732-1800), dem Kulturminister und Nachfolger v. Zedlitz’, zugeleitet.

JEB und Nicolai wurden von Zeitgenossen und der Nachwelt zu recht als „Aufklärer” 9 bezeichnet, und in der Tat, wer den Aufsatz Kants „Was ist Aufklärung?” in der BMS von 1784 aufmerksam liest, wird erkennen, dass die beiden „Popularphilosophen” 10, wie sie auch genannt werden, durchaus der Forderung, freie Selbstdenker zu sein oder zu werden, entsprachen. Zunächst jedoch einige Angaben zur Biographie und Charakteristik Biesters.

Gustav Parthey (1798-1872), einer der Enkel Nicolais, berichtete 1871 in seinen „Jugenderinnerungen”, wie sie als Kinder in der Brüderstraße 13 zu Berlin über den kleingewachsenen Freund ihres Großvaters scherzten.

Der Bibliothekar B i e s t e r , Nicolais genauester Freund, war ein kleiner verwachsener Mann mit viel Lebhaftigkeit und kräftig tönender Stimme. Sein Kopf reichte bei Tisch kaum über den Teller, dabei gestikulierte er viel mit den Händen und gebrauchte Messer und Gabel auf eine eigenthümliche Weise. Auch dies wusste Fritz mit großer Virtuosität darzustellen. Es versteht sich von selbst, dass seine harmlosen Exhibitionen nur auf unsere Kinderstube beschränkt blieben. 11

Mit einem längeren Zitat aus dem „Reisetagebuch von 1798” des Predigers Johann Friedrich Abegg (1765-1840) aus Berlin, welches von den Nachfahren erst 1987 herausgegeben wurde, soll die Charakterisierung JEB’s abgerundet werden.

Den 23. Juli [...] ging ich zu dem Herrn D. Biester und überreichte ihm den Brief von Scheffner. Sein Empfang war ziemlich kalt. Nachdem er den Brief flüchtig durchgelesen, wurde er aber sehr höflich und lud mich gleich auf den Abend ein, mit ihm in den sogenannten Montag-Club zu gehen, wo Teller, Meil, Nicolai Mitglieder sind, und Ramler auch Mitglied war. Ich verließ ihn bald, weil ich doch noch heute in seiner Gesellschaft seyn konnte. [...] Über die Policey von Berlin wurde gesprochen. Biester wünschte, daß sie einen stärkeren Fond haben möge. Die Policey könne nicht zu gut seyn! Man scheint noch viel vom Könige in dieser Hinsicht zu erwarten. B. bemerkte, nicht wie der vorige König that, der viele 1000de anwendete, um Privathäuser zu bauen, sondern solche Gegenstände, wie Schönheit der Straßenpflaster, der Brücken, Alleen, u.s.w. müsse ein Gegenstand, der höheren Policey u. Königl. Willens werden, denn dieses kann durch Privatpersonen nicht zustande gebracht werden. – Gegen 10 Uhr ging die Gesellschaft auseinander. Biester und Buttmann begleiteten mich, bis ich mich zurecht finden konnte. Biester ist ein etwas verwachsener, kleiner Mann, von bräunlicher Gesichtsfarbe, hat eine schöne Physiognomie, aber er scheint leicht ärgerlich zu werden, man merkt ihm aber leicht an, daß er in alle Tugenden des feinen Umgangs mit Menschen eingeweiht ist. Jedenfalls mag es eher nöthig sein, gute Addr. an ihn zu haben, weil er keinen hohen Werth auf neue Bekanntschaften zu legen scheint, da er so viele interessante ältere hat, u. überhaupt kein weitherziger Mann zu sein scheint. Wie sehr dank ich es Scheffner, daß er mir diese freundliche Gelegenheit verschafft hat. 12

Während seines Studiums der Rechtswissenschaft an der Göttinger Universität (1767-1771) las JEB außerordentlich viel und hörte Vorlesungen in Geschichte und verschiedenen Fachgebieten, trieb nebenher das Studium neuerer Sprachen wie Französisch und Englisch, gründete mit Gottfried August Bürger (1747-1794) einen „Shakespeare-Club”, in dem es üblich war, sich in den Konversationen vornehmlich nur englischer Zitate aus dem Shakespeare zu bedienen. Nach Beendigung des Studiums war er kurze Zeit am Marstallsgericht seiner Heimatstadt Lübeck tätig, war aber der Ansicht, dass sich seine Lebensaufgabe nicht darin erschöpfen sollte, Prozesse zu führen, wiewohl er sich doch mit einer gesicherten Existenz als Jurist hätte begnügen können. In seiner in der dritten Person gehaltenen Selbstbiographie (1806) berichtete er über diese Zeit und seine Kontakte:

Er hatte das Glück, die gütige Zuneigung einiger berühmter Lehrer dort [in Göttingen] zu gewinnen, worunter er den vortreflichen Herrn v. Schlözer [August Ludwig v. Schlözer, 1735-1829] gewiß noch itzt nennen darf, dessen auf seltene Weise mit Geist gepaarte Gründlichkeit ihn besonders anzog und den, vermittelst seiner scharfsinnigen gelehrten Kritik, Deutschland als den Wiederhersteller der bessern Geschichtslehrmethode verehrt. In diesen glücklichen Jahren schloß er innere Freundschaft mit dem Dichter Bürger, dem Historiker Sprengel [1746-1804] und mit dem Freiherrn v. Kielmannsegge [Christian Albrecht von Kielmannsegge, 1748-1811, ehemaliger Freund Goethes in Wetzlar] (itzt Präsidenten des Hof- und Landgerichts zu Güstrow) sowie mit Tesdorpf [1749-1824] (itzt Bürgermeister in Lübeck) […] [er] arbeitete nebenher an den Rostockischen Gelehrten Zeitungen (welche Sprengel dirigirte, der damal auch nach seiner Vaterstadt Rostock zurückgekehrt war) und nachher an der Allgemeinen Deutschen Bibliothek. 13

In jener Zeit, als er in Lübeck über seine berufliche Zukunft nachdachte, die seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechen sollte, war er in den Lübecker Kreis um Overbeck und Sprickmann, einem Ableger des Göttinger Hainbundes, die den arrivierten Schriftsteller Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (1737-1823) verehrten, gesellschaftlich eingetaucht, auch reiste er nach Hamburg, um Klopstock eine Woche lang aufzusuchen, mit dem er freundschaftlich-achtungsvoll verbunden war. Er erteilte dem betagten Dichter später auch juristischen Rat. Auch festigte er seine Liebe zu seiner Cousine Anna Dorothea (Doris) Hake, deren Vater ein Lübecker Prediger war. Doris galt als eine der schöngeistigsten Frauen der Stadt und wurde „Glaukopis” genannt. Mit ihr schloss JEB 1781 ein Ehebündnis, aus dem mehrere Kinder hervorgingen, von denen der Sohn Carl (1.10.1788-13.4.1853), zwei Töchter, Charlotte Juliane (1791) – Taufpatin wurde am 26.9. Elisa von der Recke (1754-1833) - und Sophie (1794) überlebten. JEB’s Großvater, Hans Heinrich Biester, geb. 1676 in Hainholz, starb 1748 in Hannover. Sein Vater, Ernst August, wurde Kaufmann und zog früh nach Lübeck, handelte dort mit Seide, heiratete eine Witwe aus Kassel, die 1750 verstarb, wurde Vater von fünf Kindern, von denen JEB das jüngste war. Der Vater heiratete nicht wieder, investierte viel in die Bildung seiner Kinder, verarmte jedoch im Laufe der Zeit und starb am 8.11.1779.

[...] Dabei ward ihm von seinem Vater ein sehr ausgedehnter Ankauf von Büchern gestattet so daß der junge Mensch eine Art von Bibliothek besaß (z.B. Bayles Dictionnaire und andre große Werke) um welche mancher ältere Gelehrte ihn zu beneiden Ursache hatte. [Ebd.]

JEB erinnerte sich an die Zeit seiner beruflichen Entfaltung als Lehrer am Pädagogium im mecklenburgischen Bützow, an dem er nicht ungern tätig war, doch sie brachte keine Erfüllung:

[...] Er sehnte sich ohnedas mehr nach einem literarischen Amt, wozu aber dort keine Gelegenheit war und als Schriftsteller hatte er sich nicht gezeigt, auch keine Lust, sich als solcher zu zeigen. Nach anderthalb Jahren kam ihm der Antrag zu einer Lehrerstelle an dem Pädagogium in Bützow, wohin er Ostern 1773 ging. [...] Biester lehrte auf dem Pädagogium Sprachen, Geschichte, schöne Wissenschaften und ward 1774 Doctor der Rechte, um auch vor Studenten Kollegia über Universalhistorie, Rechtsgeschichte und griechische Autoren lesen zu können. Im Dezember 1775 verließ er Bützow, nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, machte im Sommer 1776 eine Reise nach Berlin und hielt sich noch eine Zeitlang in Mecklenburg auf, auch zu Eickhof bei dem Landmarschall Lützow, dessen Enkel er unterrichtete […]. Der Ort ist klein aber angenehm. Es lehrten dort als Professoren ganz vorzügliche Männer: Tetens, Toze, Karsten, Witte, Trendelenburg, Quistorp; und auch an dem Pädagogium standen sehr ausgezeichnete Köpfe. (Nachher ist sowohl dieses als auch die Universität aufgehoben worden). [Ebd.]

Den eigentlichen Grund, warum er Bützow verlassen hatte, nannte er nicht; doch er geht aus einem Brief hervor, den der Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voss am 15.12.1775 schrieb:

Hab’ ich dir schon Biesters Schicksal erzählt? Er war Conrector in Bützow, und feierte diesen Sommer Klopstocks Geburtstag auf dem Lande. Unter andern mußten einige Mädchen um einen Altar tanzen, und Blumen darauf werfen. Dies ward bekannt, man hätt’ ihn in Verdacht des Heidenthums, und nahm ihm sein Amt. Stell’ dir die Aufklärung in meinem lieben Vaterland vor. 14

Am 9.2.1777 schrieb Christian Adolf Overbeck (1755-1821), der 1814 Bürgermeister in Lübeck wurde (das über die Jahrhunderte hinweg bekannte, zum Volkslied gewordene Gedicht „Komm lieber Mai und mache...” erinnert noch an ihn), an den Freund Matthias Sprickmann (1749-1833), Verwaltungsbeamter zu Münster:

Doris aber hat ihren Biester ganze 3 Monate lang bey sich gehabt; nun aber ist er fort nach Berlin. Ach Himmel! wie stöhnt sie nun! 15

Was wollte JEB in Berlin? Der preußische Kulturminister Freyherr von Zedlitz suchte einen fähigen jungen Mann und wandte sich in einem Privatbrief an den versatilen Buchhändler Nicolai, um anzufragen, ob dieser ihm nicht einen geeigneten Mann empfehlen könne. Nicolais Wahl fiel auf JEB. Der Minister teilte am 30.3.1776 Nicolai mit:

Sie machten mir zwar letzthin Hoffnung, den Gelehrten aus Rostock Biester (…) zu einer Hierherreise bereden zu können, verlangten aber doch eine nähere Anzeige der Umstände, in welchen er sich (...) befinden würde. 1. ist es unumgänglich nöthig, daß ein Mann, den ich im Schulfach brauche, unsern Canzley-Styl lerne oder darin stets übe; er muß also ein Sekretariat dabey führen (...) 2. alle Arten von Schul-Arbeiten, die beym Oberkuratorin vorkommen können, Durchgehen des Plans, Prüfung der Schulberichte, Vorschläge (...) muß er übernehmen können, und sich hauptsächlich in diesem Fach brauchbar zu machen suchen. Dafür ist 300 Taler, freyes Logis, Holz und Mittagstisch mit mir, und unfehlbare Beförderung, wenn sich ein Fach findet und Nb. der (Beförderung) Erwartende würklich arbeiten kann und will. 16

Seiner Freude Ausdruck gebend, teilte JEB Nicolai am 7.12.1776 die verbindlichen Worte v. Zedlitzens mit:

„Alle Bedenklichkeiten sind gehoben. Und ich sage Ihnen, daß ich mein Wort ganz halten werde, daß es mir angenehm seyn wird, Sie in dem Verhältnisse, das ich Ihnen angetragen habe und das Sie angenommen haben, in meinem Hause zu haben.” Sie glauben nicht, wie sehr mich das freut! Ich hab’s erfahren, was es ist, von den Wellen der Ungewissheit herumgeworfen zu werden: Nun athme ich freyer, denn nun bin ich im Hafen. [...] Nie werde ich es vergessen, können, theuerster Herr Nicolai, dass zunächst ich Ihnen diese Stelle zu danken habe, alle Freuden in Berlin, alles daraus noch künftig entspringende Glück. [Ebd.]

JEB trat seine Stelle als Privatsekretär am 1.2.1777 an, wobei sich peu-à-peu freundschaftliche Bande mit dem Minister knüpften, den er immer mehr entlastete und damit nahezu unentbehrlich werden sollte. So konnte am 30.3.1777 Overbeck an Sprickmann u. a. den Erfolg der Berliner Mission vermelden:

Doris schmachtet jetzt ihrem Biester nach, der in Berlin Sekretair des Minister Zedtwitz [sic!] geworden ist. Ich glaube doch nicht, daß ich mich in Doris hätte verlieben können, so ein herrliches Mädchen sie auch ist. Sie hat gar kein douceur, die ich von einem Mädchen durchaus verlange. Ihr Gang ist in der That ein wenig bäurisch, und ihre Lippen sind nicht sonderlich geschickt Honigreden zu ergießen, denn immer stößt ihre Zunge mit Lallen drein. Bei meiner Bine bin ich anders gewohnt. Doris ist mir nicht einmal reinlich genug. Sonst hab’ ich für ihre Seele allen Respect. Hagel noch Einmal, was ist sie gebildet! 17

Wie erwähnt, verfasste JEB bereits mehrere Rezensionen für die ADB und stand dadurch in Korrespondenz mit Nicolai. Über seine neue Tätigkeit schrieb er retrospektiv:

Am 1ten Februar 1777 trat er in Berlin die im vorigen Jahr verabredete Stelle bei dem Staatsminister Freiherr von Zedlitz an, welchem er zuerst durch Nicolai war vorgeschlagen worden. Was er hier fand. Geist- und Herz-Erhebendes, Belebendes, Bildendes, ergiebt sich für Jeden der den Ort und die Zeit und die Namen bedenkt. Friedrich der Große regierte; Seine edlen, festen Grundsätze verbreiteten sich über alle Theile der Verwaltung. Zedlitz war Justizminister Chef des geistlichen Departements: ein heiterer liebenswürdiger Staatsmann, ein Freund der Musen, ein Kenner der Musen, ein Kenner der Wissenschaften [...] Biester ward sein Privatsekretär im literarischen und pädagogischen Fache und als solcher sein Haus- und Tischgenosse. Er hatte die Korrespondenz mit Gelehrten, auch außer Landes zu führen […] 18

…und vieles andere mehr. Hier verband sich in glücklicher Weise das Interesse mit der Erkenntnis, dass das Leben ein ständiger Erkenntnis gewinnender Prozess, kurzum, dass Leben gleichbedeutend mit Lernen ist. Bedenkt man, dass Lübeck um 1789 eine Bevölkerung von ca. 30.000 Personen hatte und in Berlin 1795 172.000 Menschen ansässig waren, davon allein 284 Schriftsteller 19, so ist zu ermessen, wie beeindruckend dieser Größenvergleich ist. Von Berlin aus schreibt er an seinen Intimus Bürger am 1.3.1777:

Aber, ach, was ist Berlin für eine schöne Stadt. Es erfreut Herz und Seele, die schönen breiten geraden Gassen zu sehen, die gewaltigen Gebäude, die herlichen Statüen. Ich bin im Sommer vor[igen] Jahrs schon 14 Tage hier gewesen und kenne also schon den Thiergarten und Charlottenburg. Hier leb’ ich also; - in der festen Hoffnung, daß Gott mir bald aus meinen Schulden (deren ich leider noch immer habe) und aus meiner Armuth heraushelfen, und mir dann ein Stück Brot geben wolle, um es mit meinem Weibe zu theilen. 20

Ein junger Mensch „of independent mind” (mit geistiger Freiheit), dem „get-up-and-go-spirit” (geistigem Elan), mit einem konkreten Ziel vor Augen, fand auch im ausgehenden 18ten Jhdt. durch Beziehungen und der entsprechenden Persönlichkeit einen Weg sich zu empfehlen, um das Gewünschte auch über Hindernisse hinweg zu erreichen. In einem Brief vom 22.9. desselben Jahres, lässt er Bürger wissen, der mit Nicolai wegen eines Volkslieder-Disputs hadert:

[…] Nikolai [sic], das versichere ich dich, ist sonst ein gar braver Kerl, gutmüthig, munter, dienstfertig, freundschaftlich; er hat gar mancherley Kenntnisse, hat über sehr viele Dinge, die man ihm nicht zutrauen sollte, nachgedacht, und spricht gern und gut darüber. Wenn du hier wärest, du würdest gewiß bald mit ihm Bekanntschaft und Umgang gewinnen, und er würde dir gefallen. Wenigstens unter den hisigen Gelehrten ist er der artigste, umgänglichste, beste. Er ist gegen mich ausserordentlich freundschaftlich, und thut mir mancherley Gefälligkeiten. [...] Freylich werde ich wol einst durch meinen Minister (von Zedlitz), irgend eine Stelle erhaschen können, die mir und meinem Weibe eine Hütte und Brot gewähren wird. Ich wünsche mir das gerade wenn ich 30 Jahre alt seyn werde; ob ich’s erhalten werde, weiß Gott. [Ebd.]

Nach siebenjähriger Sekretärstätigkeit ergab sich für JEB die Möglichkeit, von einem personengebundenen Arbeitsverhältnis in eine festere Anstellung zu wechseln; die Chance zu einer „unfehlbaren Beförderung” wie es der Minister einst schrieb. An der Königlichen Bibliothek wurde eine Bibliothekarsstelle vakant, da der abergläubische französische Mönch Pernetty 1784 Berlin fluchtartig verließ, in der Annahme, ein Erdbeben, eine Erdzerspaltung würde die Stadt unfehlbar zerstören. Wiederum war es Nicolai, der den Marchese Lucchesini (1751, Lucca – 1825, Florenz) als Kammerherr Friedrichs II gewinnen konnte, JEB beim König wegen der vakanten Bibliotheksstelle vorzuschlagen. Der König dachte zunächst an andere, doch wollte er sich nicht versagen, Biester aufgrund der Empfehlungen zumindest anzuhören. Dieser wurde am 10. Januar 1784 auf das Charlottenburger Schloss beordert und erhielt abends um 7 Uhr die für seine endgültige Zukunft begehrte Position eines zweiten Bibliothekars, die er, später zum Ersten Bibliothekar aufrückend, bis zu seinem Tode bekleiden sollte. Auf wundersame Weise fand sich hier Beruf und Berufung zusammen und als bürgerlicher Aufklärer wurde er der, der er bereits war: Beruf und Berufung zusammen. Zu jener Zeit stand die Spätaufklärung als geistiges Fluidum kurze Zeit hoch im Kurs. Sie repräsentierte eine Gesinnung, die nachmals als preußischer Geist mit preußischen Tugenden propagiert in den Geschichtsbüchern Eingang fand, verbunden mit der selbstverpflichtenden Forderung, freimütig und ehrlich, d. h. unbestechlich zu sein.

Der Hofrat Karl August Böttiger (1760-1835), der sich wegen seiner z. T. freimütigen Kritik den Unwillen Goethes und Schillers in Weimar zugezogen hatte, folgte nach Herders Tod einem Ruf nach Dresden als Direktor der dortigen Antikensammlung. Böttiger schätze JEB’s Gelehrsamkeit, besuchte ihn gelegentlich in der Bibliothek und wurde gut mit ihm bekannt. Er schrieb einen 13-seitigen Beitrag unter dem Titel: „Erinnerungen an das literarische Berlin im August 1796”, der auch J. E. Biester zum Thema hatte. Darin hieß es u. a.:

Der König wünschte ihn nun selbst zu sehen, und ließ ihn einmal, als er in Berlin war, zu sich rufen. Biester erkundigte sich in aller Eile bei Nicolai, der den König schon mehreremale gesprochen hatte, nach dem Ceremoniel. Mit pochendem Herzen trat er, von den Kammerhusaren angewiesen, in des Königs Zimmer, der den Rücken der Thüre zugekehrt neben dem Kamine saß und sich, einen feurigen Blick schießend, umdrehte. Wo hat er studirt? In Göttingen. Das gefiel dem König, der vor Göttingen eine große Achtung hatte, und Münchhausens in jener berühmten Unterredung mit Garve in Breslau mit Lob gedachte. Als ihm Biester sagte: er habe vorzüglich sich mit der Geschichte beschäftigt, stutzte der König und fragte, ob dieß so viel bedeute, als Historie, weil ihn das deutsche Wort nicht geläufig war. Die Frage vor welcher Biestern am meisten bange war, kam nun auch: wo ist Er zeither gewesen? Biester mußte antworten: als Sekretair beim Minister Zedlitz [„Zedlitz war mit dem König zerfallen” vermerkte Böttiger an anderer Stelle, so dass ihm v. Zedlitz in Erlangung der Position nicht behilflich sein konnte]. Da nickte der König einigemal bedächtig mit dem Kopfe: So, so, hält sich Zedlitz einen Secretaire! Er sprach über eine halbe Stunde mit ihm, ehe er das bekannte Zeichen der Entlassung mit dem Hutabnehmen gab, und war über alle Erwartung gnädig. 21

Aus der Rückschau des Jahres 1806 vermerkte JEB in seiner „Selbstbiographie”:

Das Vergnügen über diese Stelle ward durch die Freude erhöht, den erhabenen Mann des Jahrhunderts in der Nähe zu sehn und Worte teilnehmender Erkundigungen und ausführlicher Belehrungen aus seinem Munde zu hören. 22

Über seine Bibliothekarstätigkeit hat Eugen Paunel umfassend und detailliert geschrieben, daher sollen nur zwei ganz unterschiedliche Autoren zitiert werden. So schrieb Heinrich von Treitschke (1834-1896), der nicht gerade als Sympathisant der Aufklärung gelten kann, über

J. E. Biester, der Herausgeber jener Berlinischen Monatsschrift, in deren Spalten die aufgeklärten Leute von der Spree ihre angeborene Verstandes- und Naseweisheit abzulagern pflegten. Trocken und schwunglos, ohne Sinn für die genialen Kräfte der neuen Literatur, war Biester doch ein gründlicher Gelehrter, gerade so weit Polyhistor, wie es der Beruf des Bibliothekars verlangt, und wartete seines Amts so umsichtig, daß selbst sein nachmaliger Vorgesetzter, Minister Wöllner, der Todfeind der Berliner Aufklärer, den Unentbehrlichen nicht zu entfernen wagte. 23

- Sowie der zeitgenössischen Schriftsteller und Preußenkenner Eberhard Cyran (1914-1998):

Ein Hort der Musen und des Wissens war die neue Königliche Hofbibliothek am Opernplatz, die sich unter Leitung Johann Erich Biesters zu einer der führenden Sammlungen im deutschen Raum entwickelte. Von jetzt an standen die Werke von Bacon, Hobbes, Locke, d’Alembert, Diderot, Montesquieu, Rousseau, Voltaire, wie von Leibniz, Wolff, Kant und ihren Weggenossen dem aufgeschlossenen Bürgertum zur Verfügung und wirkten mit zur geistigen Mündigkeit und Volkssouveränität, die die Entwicklungen des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnen. Die Namen Winckelmann und Lessing, die sich um ihre Anstellung bei dieser Institution bemühten, zeugen von deren Ruf und Ausstrahlungskraft. 24

Als JEB seine Wirksamkeit ab 1777 in Berlin aufgrund der Fürsprache geachteter Männer wie Nicolai, von Zedlitz, dem Grafen Herzberg u. a. peu-à-peu entfaltete, manche sprachen missgünstig von Protektion und Günstlingswirtschaft, hatte er bereits 37 nachweisbare Rezensionen unterschiedlicher Qualität an Nicolai für dessen ADB geliefert, die dieser seit 1774 darin aufnahm. Es handelte sich überwiegend um Beurteilungen von Geisteserzeugnissen, deren Autoren längst auf dem Altar der Zeit geopfert oder dem Strom des Vergessens - Lethe - überantwortet wurden. Nicolai druckte diese Rezensionen in den regulären Bänden 22–32 ab. Der literarischen Nachwelt von Interesse sein könnten JEB’s Stellungnahmen zu:

C. F. D. Schubart: Deutsche Chronik auf das Jahr 1774
C. M. Wieland: Der verklagte Amor, 1777
M. Claudius: Sämmtl. Werke des Wandsbeker Boten, 1777
K. W. Ramler: Lyrische Blumenlese, Band 1-5, 1777
J. K. Wezel: Lebensgeschichte Tobias Knaut des Weisen

Die Kommentare, die oftmals nur eine bis zwei DIN-A-5 Seiten umfassten, erschienen z. T. anonym oder halb anonym, da sie ein Kürzel, eine Signatur trugen. Bei JEB waren es überwiegend die Zeichen: Ta, Me, Cz und Df. Aber auch in den separat erschienenen Anhängen zu den einzelnen Bänden, die gesammelt in einem jeweiligen Einzelband später erschienen, kontribuierte JEB nachweislich vier Rezensionen, wie in den Anhängen zu den Bänden 13-24, 1777:

G. E. Lessing: Trauerspiele Miß Sara Sampson, Philotas, Emilia Galotti
[Herder, Goethe u.a.:] Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter
F.G. Klopstock: Der Messias, Band 3 und 4 [die Rezension erstreckt sich von Seite 1181 bis 1214!]

War JEB bislang der Nehmende, so war er gegenüber Nicolai auch gerne der Gebende und blieb dies auch bis zu Nicolais Tod. Es waren nicht viele Rezensionen, doch verfügte Nicolai bereits über eine große Anzahl Mitarbeiter, die in dem von ihm gestrickten und sorgsam überwachten Netzwerk tätig waren. Er war ein genialer Organisator, der die für ihn Arbeitenden das zu beurteilende Sachgebiet zuwies, an dem sie gebunden waren, z. B. Mathematik, Geologie, Philologie, Philosophie, Justiz, Historie. Hier wurden die Neuerscheinungen rezensiert, auch in sehr offener und schonungslos belehrender Weise, wenn es um die Wahrheitsfindung ging. JEB’s Rezensionen in den Nachtragsbänden finden sich hauptsächlich unter den Rubriken „Vermischte Schriften” und „Kurze Nachrichten von den schönen Wissenschaften”. In Berlin ansässig, stieg auch die Anzahl der Biester’schen Beiträge. In den Jahren 1778-1783 sind nochmals 38 nachweisbar, also insgesamt 75 Rezensionen. Daneben nochmals 13 als Anhänge zu den Bänden 25–56, so dass Nicolai insgesamt 93 Rezensionen veröffentlichen konnte. Darunter u. a.:

Voltaire: Kandide
J. K. Wezel: Peter Marks J. F. Goldbeck: Über die Erziehung der Weisenkinder
J. H. Jung-Stilling: Die Geschichte des Herrn von Morgenthau
Anakreon: Gedichte [in Übersetzung]
J. G. Meusel: Das gelehrte Deutschland
Justus Möser: Patriotische Phantasien
Friedrich Müller: Fausts Leben

In den Nachträgen erschienen:

L. G. Kosegarten: Psalmen
Fr. Nicolai: Eyn feyner kleyner Almanach vol schöner echterr liblicherr Volkslieder
C. M. Wieland: Der deutsche Merkur: Jg.1774-1777
Oliver Goldsmith: Das entvölkerte Dorf, ein Gedicht
J. F. Goldbeck: Literarische Nachrichten aus Preußen
G. E. Lessing: Nathan der Weise [12 Seiten!]
J. H. Voss: Homers Odyssee [Übersetzung von 1781]

JEB’s Rezensionen endeten mit dem 56. Band im Jahre 1783, denn im dritten Quartal erschien die von Friedrich Gedike und JEB neu gegründete Berliner Monatsschrift, die kein Rezensionsorgan war, auch nicht sein wollte. Darin veröffentlichte letzterer 244 Artikel, wobei mit einer Dunkelziffer von anonym erschienenen Beiträgen sowie umfangreichen Anmerkungen gerechnet werden darf. Nicolai selbst begünstigte das Unternehmen und ließ über 90 Aufsätze in der BMS und seinen Nachfolgeorganen erscheinen. Am Anfang des ersten Stücks des 96. Bandes der „Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek” (NADB) des Jahres 1805 ließ Nicolai ein „Bildnis des Königl. Bibliothekars Hrn Biester”, seines Freundes, von dem Maler Laurens erscheinen.

Dr. Karl Aner schrieb in seiner Biographie „Der Aufklärer Friedrich Nicolai” treffend:

[...] das Tagebuch der Elisa von der Recke rühmt ihn als treuen Retter aus pekuniären Verlegenheiten. Ein kleines, aber sinniges Zeichen seiner vornehmen Uneigennützigkeit war das Freundschaftsgefühl – jener menschlich schönste Zug des achtzehnten Jahrhunderts, der das Gerede von der Gemütsarmut der deutschen Aufklärung längst widerlegt haben sollte – auch in Nicolai rege entwickelt. Einundsiebzig Freunde zählt Göckingk auf; die intimsten der späteren Jahre waren der Philosoph Joh. August Eberhard, der nach Lessings Abschied von Berlin seiner Zeit schon den Dreibund ergänzt hatte, Biester, der nach Moses’ Tod in die Lücke trat und alle Manuskripte Nicolais vor der Drucklegung zur Durchsicht erhielt, zuletzt Göckingk selbst. 25

Als Nicolai 1811 starb, stellte auch JEB das Publizieren seiner „Neuen Berlinischen Monatsschrift” ein. Damit neigte sich die Spätaufklärung dem Ende zu. Das Leuchtfeuer der deutschen Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, war bereits erloschen. Er wurde zu einem Klassiker, der zwar gelesen wurde, doch über den man nicht mehr leidenschaftlich diskutierte. Johann Jakob Engel (1741-1802), Friedrich Gedike (1754-1803) starben. Nun auch Nicolai, von dem Engel sagte: „Jedermann hat wohl sein Steckenpferd, aber Nicolai hat einen ganzen Stall davon.” 26

Viel Verbindendes gab es bei den beiden Protagonisten der Berliner Aufklärung in der Beurteilung von Sachverhalten und Situationen. Sei es ihre Gegnerschaft den Jesuiten gegenüber, oder dem angeblich wahrgenommenen krypto-katholischen Vormarsch auf preußischem Gebiet; sie dachten ähnlich. Gelegentlich schossen sie über das eigentliche Ziel hinaus, wenngleich – wie man sagt – Übertreibung anschaulich macht, und JEB sah dies in späteren Jahren ein. Sie gingen auch konform in dem Respekt für Menschen jüdischen Glaubens. Der Hitzkopf J. G. Fichte (1762-1814), der Widerspruch an seinen philosophischen Ansichten kaum duldete und letztlich mit vielen denkenden Menschen in Streit kam, schmiedete heimlich menschenverachtende Verse gegenüber Nicolai und JEB, die erst im 20. Jhdt. in den gesammelten Werken erschienen. Als 1801 mit Unterstützung von A. W. v. Schlegel (1767-1845) das Buch „Nicolais Leben und sonderbare Meinung” herauskam, tadelte die Cagliostro-Entlarverin, Elisa v. d. Recke, Nicolais Gelassenheit. So soll sie nach Gustav Parthey zu Nicolai gesagt haben:

„Welchen Nutzen für die Wissenschaft können diese Zänkereien haben, die nur zu oft in Persönlichkeiten ausarten? Was müssen Sie sich alles gefallen lassen! Ist es erschrecklich, daß Fichte in seinem neuesten Buch Sie einen Hund genannt hat?” „Jawohl” fiel ihr Nicolai ins Wort, „ich bin der bellende Hund, der allemal seine warnende Stimme erheben muß, sobald er merkt, daß irgend etwas in der deutschen Literatur nicht in Ordnung ist.” 27

JEB legte sich auch mit Fichte an. Dessen Buch „Der geschlossene Handelsstaat” wurde in der BMS von einem unbekannten Rezensenten auf Mängel in der praktischen Durchführung geprüft. Der furiose Fichte suchte JEB in seiner „Stube” auf und forderte ultimativ, ihm weitere Angaben über den Kritiker zu machen, was dieser jedoch ebenso kategorisch ablehnte. (Es handelte sich um den noch jungen Adam Heinrich Müller (1779-1829), den nachmaligen Publizisten und Autor der dreibändigen „Elemente der Staatskunst”, 1810). Fichte gab dann in der sehr kurzlebigen Monatsschrift „Kronos” das Gespräch mit JEB in wörtlicher Rede heraus. JEB untersagte Fichte in einer Gegenschrift der BMS, sich jemals wieder auf seiner Stube blicken zu lassen. Der Dichter und Freund JEB’s Karl Müchler (1763-1857) fasste es in einem kurzen Vers zusammen, der in der BMS nachzulesen ist:

An den Bibliothekar Biester
Über einen vor einiger Zeit gehabten Besuch
Ein Schwärmer lässt sich nicht bedeuten,
Denn er ist seines Wahnes Knecht.
Was nützt es dir mit ihm zu streiten?
Brauch dein geschlossenes Stubenrecht. 28

Auch in freundschaftlichen Beziehungen gibt es Trennendes. Zwar wurde Nicolai hochgeachtet, Lichtenberg, Thümmel und eine Unzahl Gelehrter schrieben ihm und sprachen respektvoll über ihn, allein er war ein entschiedener Gegner jeglicher spekulativen Philosophie. Reinheit der Begriffe galt ihm, dem Empiriker, als oberstes Gebot. Beschäftigte er sich mit den Schriften des Philosophen Christian Wolff, so las JEB den Skeptiker Hume. Ein originärer Denker von Format wie Kant und seine Begriffswelt mit ihrem a priori und a posteriori musste Nicolai fremd bleiben, er konnte und wollte da nicht folgen - andere wie Moses Mendelssohn und Garve gaben dies als geistiges Defizit auch offen zu - und zog Kants Ausdrucksweise und Sprachgebrauch teilweise ins Lächerliche, wenn er von der Philosophie des „von vorne und von hinten” sprach. Spekulationen und Worthülsen der Idealisten von Fichte bis Hegel gespickt mit Dichterergüssen à la Novalis, Eichendorff, die den Aufklärern abhold waren, flogen wie Geschosse in alle Richtungen kreuz und quer am philosophischen Himmel, doch zauberten sie oft nach mehrjährigem Studium dem jungen Menschen pragmatisch keine anfassbare Wurst in die Pfanne. Heute würde man von der idealistischen Philosophie den Eindruck gewinnen, sie sei eher in der transzendentalen virtual-reality eines Wolkenkuckucksheims beheimatet, wenn z. B. von dem Ding-an-sich die Rede ist. Und wenn es um die Moral geht, so würde Nicolai den Begriff der goldenen Regel verwenden „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu”, statt den „kategorischen Imperativ” zu bemühen. So beklagte sich der unermüdliche „Racker” (so bezeichnete in einem Brief Wilhelm von Humboldt einst JEB) Nicolai bei Böttiger, in dem er an den Rand seines Briefes v. 16.3.1803 schrieb:

Eben wird in dem letzten Aprilstück der Monatsschrift wieder ein gelehrtes Lernen nur nichts von mir abgedruckt. Calamo audiamus no diabolus nor inveniat offissus! 29

Hier erst kann sich bewähren, was die Rede von Toleranz wert ist. Blieb Nicolai neben einer guten Elementarbildung doch im wesentlichen Autodidakt, der unter anderen Lebensumständen gerne studiert hätte, so gab es nunmehr eine nicht geringe Anzahl Persönlichkeiten, die auch ohne akademischen Bildungsgrad gesellschaftliche Bedeutung errungen; in den Kolonien Neuenglands wurden Thomas Paine und Benjamin Franklin, in Britannien Samuel Johnson als Autodidakten bekannt. Dr.-Titel werden in der Regel nach Abschluss akademischer Leistungen verliehen. Nicolai jedoch erhielt einen Ehrendoktortitel der Philosophie von der Universität Helmstedt für sein Lebenswerk, und als der Aufklärer als letzter der alten Garde auch noch 1799 Außerordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und somit die verspätete Ehrung nicht ausblieb, mag er wohl nicht ohne Berechtigung Genugtuung und Stolz empfunden haben. JEB wurde infolge der Angliederung der Bibliothek mit der Akademie als Leiter der Bibliothek 1798 zum Ordentlichen Mitglied ernannt, musste sich aber keiner Wahl unterziehen. Ihn in die Akademie aufzunehmen schlug nach Friedrichs II. Tod 1787 Graf v. Hertzberg (1725-1795) vor, doch das v. Wöllner’sche Regime unter König Friedrich Wilhelm II. ermöglichte dies nicht. Dass beide Berliner Aufklärer unter den jüngeren Akademikern wie Fossilien aus einer längst versunkenen Epoche in die Gegenwart hineinragten, machte sie den teilweise in sich selbst verliebten Wald- und Wiesen-Romantikern nicht gerade sympathisch.

Ein Beispiel sei erwähnt: Während JEB in der Akademie einen Nachruf auf Nicolai hielt, fand sich offensichtlich keiner für JEB, auch der eng vertraute Philologe und humorvolle Bibliothekskollege Philipp Karl Buttmann (1764-1829), seit 1806 ordentliches Mitglied der Akademie, wagte es nicht. Keiner wollte oder hatte ein Interesse daran, eine Gedächtnisrede auf JEB zu halten, was auch nicht verwunderlich war. Stand doch der Theologe Friedrich Schleiermacher der philosophischen Klasse vor, und es war bekannt und unvergessen, dass die Aufnahme des nachmaligen Rektors der neu gegründeten Berliner Universität, Fichte, in die Akademie der Wissenschaften nach Abstimmung der Mitglieder deshalb abgelehnt wurde, weil zwei Mitglieder, Nicolai und JEB, mit ihren Vetos und öffentlichen Äußerungen nach vorhergehender Pro- und- Kontra Stimmengleichheit den Ausschlag gaben. Im Grunde war man froh, dass Nicolai und JEB von der preußischen Bühne abtraten. Noch an dem Tag als JEB starb, wurde das Schleiermacher’sche Bibliotheks-Reglement eingebracht. In den „Abhandlungen” der Preußischen Akademie der Wissenschaften für die Jahre 1816-1817, die 1819 in der Realschulbuchhandlung Berlin erschienen, wurden auf Seite 4 lapidar zwei Verstorbene namentlich genannt. Über den einen: „am 20. Februar Herr Jo. Erich Biester”. 250 Jahre später erinnerte Frau Dr. Friedhilde Krause in einem Vortrag: „Die slawenkundlichen Studien von Akademiemitglied Johann Erich Biester - Ein Beitrag anlässlich seines 250. Geburtstages” am 17. Nov. 1999 in der Klasse für Sozial- und Geschichtswissenschaften der Leibniz-Sozietät an den kleinen Kommoden-Bibliothekar.

JEB erkannte schon früh die Bedeutung von Nicolais monumentalem Werk, der ADB; es erschienen bis 1793 immerhin stattliche 107 Bände! Er äußerte sich in seiner „Denkschrift auf Friedrich Nicolai”, vorgelesen vor der Philologischen Klasse der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften, den 3. Juli 1812:

[...] ein Werk von solchem Umfange über unser gemeinschaftliches großes Vaterland, und von solchem Einfluss auf alle Provinzen desselben, wie keine Nation ein ähnliches aufzuweisen hat; da überhaupt anderwärts nur verhältnismäßig wenige schreibende Städte sind. Nun erst erfuhr Deutschland, was überall litterarisch in ihm vorging, es lernte sich selbst kennen, und kam eben dadurch in nähere Verbindung mit sich selbst. 30

Im Gegensatz zu dem von Goethe und einigen Romantikern geschmähten Nicolai, fand Heine (1797-1856) im Pariser Exil lobenswerte sowie humorvolle Worte und ging augenzwinkernd über Nicolais manchmal allzu freimütige Robustheit oder Narreteien des Alters ( the follies of old age) hinweg. JEB sprach in seinem Nekrolog über Nicolai verständnisvolle und anerkennende Worte:

[...] Als späterhin die deutsche Bibliothek hier sollte erneuert werden, fanden sich der Mitarbeiter nur wenige, weil die, welche Trieb und Muse dazu hatten, jenen neueren Instituten beigetreten waren; sie musste aus Schwäche aufhören. Aber wer wäre so verblendet nur auf das letzte Alter seine Blicke zu heften, und nicht zu der kraftvollen Periode hinaufzusehen, wo das Werk eine Wirksamkeit geäußert hat, die eine wahre Revolution von der heilsamsten Art in allen Theilen der Wissenschaft und Kultur, ja in der ganzen Denkungsweise des deutschen Volks hervorbrachte? Wer drei kritische Werke begründet hat, wie die leipziger Bibliothek, die Litteraturbriefe, und die allgemeine Bibliothek, und zwar zu einer Zeit, wo nichts ähnliches vorhanden war; der kann ruhig zusehen, wenn nachher mit frischer Kraft jüngere Kämpfer in die Laufbahn eintreten, die von ihm schon durchmessen worden ist, und wo sie noch höhere fernere Ziele erreichen. [Ebd.]

Geselligkeit, d. h. Kommunikation, war ihnen wichtig. Viele lehrreiche und erbauliche Gespräche mit den Gästen der „Mittwochgesellschaft”, des „Mittwochs”, mögen damals in den Räumen und dem schönen Garten der Brüderstraße 13 stattgefunden haben. In manchen Jahren reisten die Aufklärer auch nach Bad Pyrmont zur Kur. So auch 1787, wo sich JEB und Nicolai mit Justus Möser (1720-1794) aufhielten. Über die „Literarischen Notabilitäten”, wie Madame Johanna Schopenhauer (1766-1838) sie nannte, die sie mit ihrem Ehemann (Vater des Philosophen Arthur) kennen zu lernen wünschte, schrieb sie:

[...] Zwei von diesen, der Buchhändler Nicolai aus Berlin und sein von ihm unzertrennlicher Freund, der Bibliothekar Biester, Herausgeber der „Berliner Monatsschrift”, hatten sich indessen uns mehr genähert. Nicolai war ein ältlicher, etwas finster aussehender Mann, was teils von seinem etwas schweren Gehör, teils von den vielen, von beiden Seiten oft mit großer Erbitterung geführten literarischen Fehden herrühren mochte, in welche er in jener Zeit verwickelt war. Doch habe ich im geselligen Umgange nichts weniger als abstoßend oder mürrisch ihn gefunden. „Sebaldus Nothanker” war die einzige seiner Schriften, die ich gelesen [...] Nicolai ließ oft sehr freundlich auf mein unbedeutendes Geschwätz sich ein, doch wohl nur aus höflicher Rücksicht gegen mein Geschlecht; denn daß nicht ich, sondern mein Mann ihn an uns gezogen, ging aus den lebhaften oft heterogensten Gegenstände erschöpfenden Gesprächen dieser beiden hervor. Bibliothekar Biester war gewöhnlich der dritte in ihrem Bunde; doch da in seiner Persönlichkeit wenig Anziehendes für mich lag, so schwebt sein Bild nur in undeutlichen Umrissen meiner Erinnerung vor. Das Beste hebt jede gute Hausfrau gern bis zuletzt auf, und so will denn auch ich, indem ich im Begriffe stehe, von Pyrmont zu scheiden, erst zum Schlusse den Mann nennen, dessen mir höchst liebe und wohltätige Erscheinung die zerstörende Gewalt der Jahre in meinem Gemüte nie verlöschen konnte, Justus Möser. [...] Was sein besonderes Wohlwollen auf mich gerichtet, weiß ich nicht, es war wohl nur die Gunst aber er gab gern und viel und täglich sich mit mir ab. Wie stolz war ich, wenn die Leute uns beiden nachsahen, indem wir miteinander die Allee auf und ab abspazierten. Seine sehr hohe und meine sehr kleine Gestalt mögen sonderbar genug miteinander kontrastiert haben, auch führte er mich gewöhnlich wie ein Kind an der Hand, weil es mir zu unbequem war, meinen Arm bis zu dem seinigen zu erheben „God bless the tall gentleman – Gott segne den langen Herrn! hatten die Londoner Blumen– und Gemüseverkäuferinnen immer ihm nachgerufen, wenn er in London über Convent-garden-market ging. 31

Im Nekrolog auf JEB in der Stuttgarter „Beilage zur Allgemeinen Zeitung” Nr. 28, v. 7.3.1816 stand:

Wenn Biesters nur zu schnell und für Wahrheit und Wissenschaft viel zu früh erfolgter Tod von seinen jüngern Zeitgenossen weniger gefühlt und beklagt werden sollte, liegt die Schuld gewiß blos daran, daß er selbst gleichsam zu einer schon abgestorbenen Generation gehörend, fast der letzte eines Kreises, abtrat, der sich jetzt selbst kaum überall in die neuesten Ansichten, Hofnungen und Besorgnisse hineinfinden würde. Aber er hat redlich gewirkt, und bei dem rastlosesten muthigsten Streben, den Betrug zu entlarven, die Schwärmerei zu züchtigen und die seichte Vielwisserei zu bestrafen, nie sich selbst, sondern immer die Sache gewollt. 32

Dies galt ebenso für Nicolai als auch für alle seiner Anhänger wie Heine ca. 20 Jahre später richtig beobachtete und trefflich über das geistige Umfeld der Berliner Aufklärung bemerken sollte:

Sie hatten kein bestimmtes System, sondern nur eine bestimmte Tendenz. Sie glichen den englischen Moralisten in ihrem Stil und ihren letzten Gründen. Sie schrieben ohne wissenschaftlich strenge Form, und das sittliche Bewusstsein ist die einzige Quelle ihrer Erkenntnis. Ihre Tendenz ist ganz dieselbe, die wir bei den französischen Philanthropen finden. In der Religion sind sie Rationalisten. In der Politik sind sie Weltbürger. In der Moral sind sie Menschen, edle, tugendhafte Menschen, streng gegen sich selbst, milde gegen andere. Was Talent betrifft, so mögen wohl Mendelssohn, Sulzer, Abbt, Moritz, Garve, Engel und Biester als die ausgezeichnetsten genannt werden. 33

Nicolai lehnte es ab, als Literaturpapst in die deutsche Kulturgeschichte einzugehen. Etwa ein halbes Jahr vor seinem Tode äußerte er in einem Brief an Böttiger vom 29sten Juni 1810:

Übrigens bin ich keineswegs der Hohepriester im Tempel der Literatur sondern allenfalls der vieljährige Küster deßelben, welcher die Schlösser treulich bewahret, und hin und wieder die Wechsler und ander Volk welches den heiligen Opferheerd entheiligte, herausgetrieben hat. 34

Diesem Genre drohte die Auszehrung, da der Nachwuchs fehlte. Selbst JEB’s Sohn Karl Biester lief zum Leidwesen seines Vaters zum katholischen Glauben über, hing also den freien Geist seines Vaters an den Nagel, und es ist daher nicht verwunderlich, wenn bereits ca. zwei Monate nach Nicolais Beerdigung, die noch bedeutsam war und viel Staub aufwirbelte, der Freiherr vom Stein (1757-1831) aus Prag am 17.3.1811 an die Prinzessin Marianne von Preußen schrieb:

Frankreich klagt jetzt laut seine Philosophen an, als Verderber des öffentlichen Geistes, als Zerstörer der religiösen und moralischen Grundsätze, als Veranlasser einer scheußlichen Revolution, die mit einem eisernen Despotismus geendet hat – und was verdankt Deutschland der Berliner theologischen Schule und ihrem Koryphäen und Kolporteur Nicolai und seinen neueren Metaphysikern? Jene haben den einfältigen, schlichten Bibelglauben hinwegexegesiert und diese alte deutsche Biederkeit und Treue hinwegräsonniert, den schlichten gesunden Menschenverstand verdunkelt und Lehren vorgetragen, die die Grundsätze der Moral, den Glauben an Gott und Unsterblichkeit tief erschütterten und die Herzen der Menschen austrockneten. Glücklicherweise hat sich diese Schule durch die unter ihren Anhängern entstandenen Zänkereien verächtlich gemacht, und es wird diese Torheit, wie bereits so viele andere verschwinden. 35

Hier konnte der 54-jährige preußische Staatsmann Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein wohl eine Prinzessin beeindrucken, doch keinen Philosophen, der Kants grundliegenden, weiterführenden und über Jahrhunderte im Wesentlichen gültig gebliebenen Aufsatz „Was ist Aufklärung?” verinnerlicht hat. Nachdem der Freiherr 1813 seines Amtes enthoben wurde, hätte er die Möglichkeit gehabt, sich damit auseinander zu setzen. Konsultierte Sympathisanten der Aufklärung wie Wilhelm und Alexander von Humboldt oder Herrn Varnhagen von Ense hätten ihn darüber „aufgeklärt”.

Zitierte Literatur und Anmerkungen
1) Vgl. Broschüre: Das Gleimhaus. Halberstadt, o. J.
2) Karl Aner: Der Aufklärer Friedrich Nicolai. Gießen, 1912; Friedrich Nicolai: Gesammelte Werke. Georg Olms Verlag. Hildesheim, 1994ff.
3) Friedrich Schiller: Briefe bis zu seiner Verlobung. München, 1909.
4) J.G. Dyk (1750-1811) und J.C.F. Manso (1759-1826): Gegengeschenke an die Sudelköche zu Jena und Weimar. Leipzig, 1797.
5) Alfred Haß: Johann Erich Biester. Sein Leben und sein Wirken. Diss. Frankfurt a. M., 1925.
6) Norbert Hinske (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Beiträge aus der Berlinischen Monatsschrift. Darmstadt, 1977.
7) Peter Weber: Berlinische Monatsschrift (1783-1796). Leipzig, 1986.
8) L. Geiger (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Schiller und Körner, 1. Bd. Cotta Verlag. Stuttgart, o. J. Verfasser der „Lebensläufe in aufsteigender Linie und des Buchs über die Ehe” war Theodor Gottlieb Hippel (1741-1796).
9) Conversations-Lexikon: oder kurzgefasstes Handwörterbuch in sechs Bänden, 1. Band A bis E. Amsterdam, 1809: „Aufklärung: Freiheit von Vorurtheilen, Berichtigung der Begriffe, hellere Einsicht. Man legt unserm Zeitalter des Aufgeklärten bei, ein jeder, welcher in unserm Zeitalter gezählt werden kann, macht Ansprüche auf Aufklärung; wiewohl ein würdiger Mann behauptet, daß es zwar viel Dilettanten aber wenig Virtuosen der Aufklärung unter uns gebe.”
10) „Popularphilosophen nennt man eine Gruppe von Schriftstellern des 18. Jh., die die Lehren der Aufklärungsphilosophie [...] auch dem Nichtfachmann verständlich zu machen suchten. Zu den P. werden vor allem gerechnet: J. J. Engel, Friedrich Nicolai, Thomas Abbt, Christian Garve, Karl. Fr. Pockels, M. Mendelssohn, J. G. Sulzer. Heute nennt man Popularphilosophie eine literarische Behandlung philos. Themen, bei der auf das mangelnde Sachverständnis und die Vorurteile der Leser in einer den wissenschaftl. Wert der Darstellung beeinträchtigten Weise Rücksicht genommen wird; dies vor allem durch die Versuche, anschauliche, allgemein verständliche Erklärungen und >Weltbilder< vorzulegen [...].” Aus: Philosophisches Wörterbuch. Zwanzigste Auflage. Neu bearbeitet von Fr. Georgi Schischkoff. Stuttgart, 1978.
11) Gustav Parthey: Jugenderinnerungen. Handschrift für Freunde. Berlin, 1871.
12) J. Fr. Abegg: Reisetagebuch von 1798. Frankfurt a. M., 1976.
13) M. S. Lowe: Bildnisse jetztlebender Berliner Gelehrten mit ihren Selbstbiographien. Dritte Sammlung. Berlin, 1806.
14) Abraham Voß: Briefe von Johann Heinrich Voß. Erster Band. Halberstadt, 1829.
15) Jansen, Heinz: Aus dem Göttinger Hainbund. Overbeck und Sprickmann. Ungedruckte Briefe Overbecks. Münster, 1933.
16) Alfred Haß: Johann Erich Biesters Bedeutung für das Geistes -und Bildungsleben Preußens während der Aufklärungszeit. In: Die Deutsche Schule. Monatsschrift. 30. Jahrgang, 1926.
17) Vgl. Anmerkung Nr. 15
18) Vgl. Anmerkung Nr. 13
19) Diese statistischen Angaben stammen aus: Helga Eichler: Die Berliner Intelligenz im 18. Jahrhundert: Herkunft, Struktur, Funktion. Berlin, 1989. S. 269. (Zugleich= Miniaturen zur Geschichte, Kultur und Denkmalpflege Berlins; 28)
20) G. A. Bürger: Briefe von uns an... Hrsg. von Adolf Strothmann. Band 1-4, Berlin, 1874.
21) „Hofrath Böttiger: Erinnerungen an das literarische Berlin im August 1796.” In: Friedrich Adolf Ebert (Hrsg.): Ueberlieferungen zur Geschichte, Literatur und Kunst der Vor- und Mitwelt. Bd. 2. Dresden, 1827.
22) Vgl. Anmerkung Nr. 13
23) Heinrich v. Treitschke: Die königliche Bibliothek in Berlin. Berlin, 1884.
24) Eberhard Cyran: Preußisches Rokoko. Ein König und seine Zeit. Berlin, 1979.
25) Vgl. Anmerkung Nr. 2
26) J. E. Biester: Denkschrift auf Friedrich Nicolai. Vorgelesen den 3ten Jul. 1812, vor der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin. Berlin, 1816.
27) Vgl. Anmerkung Nr. 11
28) Karl Müchler: Berlinische Monatsschrift. September 1801.
29) Vgl. Bernd Maurach (Hrsg.): Der Briefwechsel zwischen Friedrich Nicolai und Carl August Böttiger. Bern, 1996.
30) Vgl. Anmerkung Nr. 26
31) Johanna Schopenhauer: Ihr glücklichen Augen. Jugenderinnerungen-Tagebücher-Briefe. Berlin, 1978.
32) Beilage zur Allgemeinen Zeitung (Stuttgart), Nr. 28, Donnerstag, 7. März 1816: „Dr. Johann Erhard [sic] Biester, gestorben den 20 Febr. 1816.”
33) Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Stuttgart, 1997.
34) Vgl. Anmerkung Nr. 29
35) Freiherr vom Stein: Ausgewählte politische Briefe und Denkschriften. Stuttgart, 1955.